Presseartikel zu "Das Feld" von Robert Seethaler (Auschnitte)

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Premiere: 06.12.2019


 

Deutsche Bühne

07.12.2019

Von Vanessa Renner

 

"Es ist ein mutiges Unterfangen, Seethalers rund 240 Seiten starken Roman in einen Theaterabend zu packen. Das hat mehr mit dessen Komposition als dessen Umfang zu tun. Sicherlich: Da muss gekürzt, ausgewählt und verdichtet werden. Die Schwierigkeit liegt jedoch vielmehr darin, dass sich die Erinnerungen der Paulstädter Bürger erst nach und nach wie ein Mosaik zu einem Gesamtbild zusammenfügen und so auch die Verbindungen zwischen den einzelnen Schicksalen erst langsam hervortreten. Schwesingers Inszenierung bricht die einzelnen Geschichten auf und legt sie übereinander. Gedanken, Stimmungen werden von mehreren getragen – von einer Figur begonnen, von einer anderen fortgeführt, weitergedacht und an späterer Stelle wiederaufgenommen. So bleibt das ewige Gespräch der Toten im Fluss. Das ist in der Umsetzung konsequent, führt aber an mancher Stelle zu Verwirrung, den roten Faden und die Verbindungslinien, die das Feld zusammenhalten, auszumachen. (...) Wer sich aber auf die Vielstimmigkeit einlässt, wer dem ganz eigenen Rhythmus des Stücks folgt, entdeckt eine große und schlichte Poesie. Sie liegt zum einen in der Sprache, der ruhigen, schonungslosen, aber auch versöhnlichen Art, in der – eben vielleicht nur – die Toten über ihr Leben sprechen können. Die Distanz, die eigenen Dinge so zu erzählen, transportieren die Schauspielerinnen und Schauspieler des Wiesbadener Ensembles an diesem Abend hervorragend auf die Bühne. Ihr Spiel ist still, in aller Eindringlichkeit reduziert. So scheint das Gesagte fast losgelöst vom Körper, ganz so als leihe die Figur in diesem Moment der Erinnerung ein Zuhause. Die Flüchtigkeit und Unwiederbringlichkeit des Moments – es ist das Theater der Ort, der das so glaubhaft zu vermitteln vermag."

https://www.die-deutsche-buehne.de/kritiken/das-ewige-gespraech-der-toten

 


Wiesbadener Kurier

09.12.2019

Von Birgitta Lamparth

 

 

"(...) Das Feld. Das ist auch der Titel von Robert Seethalers Roman, den die junge Regisseurin Marie Schwesinger jetzt erstmals auf die Bühne bringt. In der Wiesbadener Wartburg schafft sie das, was dem Roman nur bedingt glückte: Eine dichte, hoch spannende Atmosphäre zu schaffen, in der die Figuren tatsächlich lebendig werden. Schwesingers gelungene Abschlussinszenierung ihres Regiestudiums an der Frankfurter Hochschule geht behutsam mit der Vorlage um und destilliert daraus doch etwas ganz Eigenes. Seethalers Erzählung, in der 29 Tote zu Wort kommen, reduziert sie auf 14 markante Figuren, die von sieben Schauspielern verkörpert werden. In unterschiedlichen Konstellationen treffen sie aufeinander. Im Gegensatz zum Roman. Die großen Fragen daraus werden auch hier verhandelt: Woran würden wir uns erinnern, wenn wir tot sind? Was ist wichtig im Leben? Gibt es Wegmarken, an denen es sich entschieden hat? (...) Ein Totentanz auf einer düsteren Halde. (...) Manches bleibt rätselhaft - aber das sind die großen Fragen von Leben und Tod ja auch. 

Viel Applaus für dieser starken 90-minütigen Abend, der an den Spielzeitauftakt, ebenfalls nach einer Roman-Adaption, mit Kehlmanns "Tyll" anknüpft: Dort das Schlachtfeld, hier der Friedhof. Darauf nicht allein zu sein, so die Deutung Schwesingers, diese Vorstellung ist doch tröstlich."


Frankfurter Allgemeine Zeitung

05.12.2019 (Ankündigung / Portrait)

Von Katharina Deschka

 

"Dass die Regisseurin Marie Schwesinger den österreichischen Schriftsteller Robert Seethaler kennenlernte, verdankt sie einem Zufall. Am Schauspiel Frankfurt arbeitete sie gerade als Regieassistentin, als Seethaler zur Buchmesse 2018 dort aus seinem neuen Roman "Das Feld" las. Auch Schwesinger saß in der Lesung, weil sie an diesem Abend Dienst hatte. Was sie dann hörte, diese kurzen Geschichten der Toten, ihre Erinnerungen an das Leben, berührte sie zutiefst. Als Seethaler nach der Veranstaltung mit seinem Verlagsvertreter auf dem Willy-Brandt-Platz stand und Schwesinger ihnen vorschlug, sie könnten noch etwas trinken gehen, habe sich in einer Bar eines der interessantesten Gespräche ihres Lebens entwickelt, sagt Schwesinger. Jedenfalls ging die Nachwuchsregisseurin nach zwei Stunden Erzählen das Wagnis ein, den Bestsellerautor zu fragen, ob sie seinen Roman auf die Bühne bringen dürfe - obwohl sie weder wusste, ob es überhaupt dazu kommen würde, noch wann und wie. Doch er willigte ein.

Ein knappes Jahr später ist es jetzt soweit. Für das Hessische Staatstheater Wiesbaden inszeniert Schwesinger in einer von ihr erstellten Bühnenfassung den Prosatext, dessen Besonderheit es ist, dass in ihm Menschen zu Wort kommen, die bereits gestorben sind. Sie alle erzählen in dem Buch, mal äußerst knapp, mal ausführlicher, quasi aus dem Sarg heraus von ihrem Leben in einer kleinen Stadt. Vielfach sind die Biographien der Erzählenden miteinander verwoben, manche liebten sich, manche schadeten einander, manche beobachteten einander nur. Es ist vor allem diese Perspektive auf das vergangene Leben vom Tod her, die das Buch besonders macht. Was hier erzählt wird, lässt sich nicht mehr korrigieren, weil die Zukunftsperspektive fehlt. Ob die Toten allerdings wirklich schon tot sind oder sich noch auf der Schwelle zum Jenseits befinden, überlegte Schwesinger oft: "Dieses Ringen mit den eigenen Erinnerungen, mit dem eigenen Leben ist eigentlich etwas, was mir sagt, die haben damit noch nicht abgeschlossen, das ist noch nicht ganz vorbei." Solche Erfahrungen mit Sterbenden musste die Regisseurin in der vergangenen Zeit selbst sammeln, weil in diesen Jahren Familienangehörige und Freunde starben und sie den Sterbeprozess mehrfach miterlebte und begleitete. Ein Thema, das für sie zum festen Bestandteil ihres Lebens geworden sei, sagt Schwesinger: "Weil es immer darum geht, wie man sein Leben nutzt, wie man mit der Angst vor dem Tod umgeht." Für die Bühne sei es ebenfalls wichtig, dass es noch immer einen Konflikt zu verhandeln gebe. Und so hat Schwesinger aus den Geschichten von 29 Personen ein Stück erarbeitet, bei dem sie dialogisch vorging. Die Pärchen Robert und Martha sowie Louise und Lennie beispielsweise sind, anders als im Buch, auf der Bühne miteinander im Gespräch, und der Monolog des Bürgermeisters etwa, der sich für ein eingestürztes Freizeitzentrum rechtfertigen muss, richtet sich an die kritischen Dorfbewohner. Alle Figuren des Romans kommen in einem Chor vor, in den sich die Schauspieler nach den Szenen immer wieder eingliedern. Aus dem Chor formieren sich die Stimmen in der Luft, die Erinnerungen vieler Menschen, denen jener alte Mann auf der Parkbank lauscht, mit dem der Roman beginnt. Mit ihrer Bühnenfassung sei Seethaler einverstanden gewesen, berichtet Schwesinger. Die Inszenierung wolle er sich ansehen."


Strandgut - Das Kulturmagazin

01/2020

Von Winnie Geipert

 

"In Marie Schwesingers so mutiger wie anmutiger Inszenierung erfahren wir nicht einmal, wem die Stimme gehört. Die Regie-Absolventin der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst hat in ihrem Exzerpt für die Bühne klugerweise darauf verzichtet, ihre ausgewählten Figuren, die wir ja nicht nach- und zurückblättern können, zu benennen. Ein paar aber sind bleibend konturiert, wie der egomanische Protz von Bürgermeister, dessen Einkaufszentrum spektakulär zusammenkracht, wie der sozialisationsgeschädigte Pfarrer, der seine Kirche anzündet, der autistische Junge im Froschkostüm, und auch wie das »gewaltige Missverständnis« zwischen der Schuhladenbesitzerin und ihrem trotteligen Lebensgefährten, das wir in Etappen nacherleben. Was Seethaler in je eigener Totensicht offenlegt, bringt die Regisseurin mit Dialogen oder kleinen Spielszenen wahrhaft zum Leben, wie sie überhaupt sehr selbstbewusst mit der Vorlage verfährt, indem sie Figuren amalgiert, einzelne Sätze oder Worte wiederholen, rundumgehen oder im Chor sprechen lässt.

Wie nachtropfender Regen klingt das bisweilen. Die in ein tiefdunkles Grün gehüllte, nach hinten hochwellende Bühne von Fabian Wendling könnte auch eine Grabkammer sein. Nur eine Bank und im Verlauf

des Spiels ein Erdloch, mehr ist da nicht – und braucht es nicht für ein Stelldichein der Toten, das gewiss auch genrebedingt nicht so entrückt und weit weniger fertig mit dem Leben wirkt als die literarische

Vorlage.

Dazu darf man sich auf eine feine mit sichtlichem Spaß (und barfuß) agierende Besetzung freuen: Mira Benser, Evelyn M. Faber, Lina Habicht, Benjamin Krämer-Jenster, Paul Simon. Felix Strüven und Matze Vogel sind allesamt mit Mehrfachrollen betraut. Dass das Programmheft sich ganz dem Sterben widmet, wundert ein wenig. Doch hat Marie Schwesinger den Beitrag, der sich am eindringlichsten mit dem Sterben befasst, besonderen Raum gegeben und in Benser eine eindrückliche Darstellerin für die Frau gefunden, die im Hospiz für 67 Tage die Freundschaft ihres Lebens schließt und diese um 28 weitere überlebt. Erst Corpus Delicti am Schauspiel (Strandgut 12/2019) und nun Das Feld in Wiesbaden – von Marie Schwesinger sollten wir noch hören."


Presseartikel zu "Corpus Delicti" von Juli Zeh (Ausschnitte)

Schauspiel Frankfurt

Premiere: 27.10.2019


Frankfurter Allgemeine Presse

29.10.2019

Von Eva-Maria Magel

 

"Stehen einem Terroristen Bürgerrechte zu? Auch im fiktiven Methodenstaat um die Mitte des 21. Jahrhunderts, wäre die oberflächliche Antwort: ja, natürlich. Aber der Methodenstaat, der ganz auf das "Beste" im Bürger ausgerichtet ist, beschneidet deren individuelle Freiheit aufs Extremste. Und zieht dann unter der Hand doch die Folter vor. Der Rechtsstaat ist schleichend ausgehöhlt worden im Dienst einer höheren Sache. Wie sehen wir das? Das ist die logische Weiterführung der Frage, ins Publikum hinein. (...) "Corpus Delicti" (ist) jetzt in einer ultraknappen einstündigen Fassung der Regisseurin Marie Schwesinger in der Box des Schauspiel Frankfurt zu erleben. (...) Zur Diskussion über Allgemeinwohl und Individualität, Staat und Recht aber regt das Stück sehr wohl an, so plakativ die Ausgangslage auch sein mag. Die Rechtsfragen werden Fleisch und Blut in einem coolen, pastellfarbenen Setting (Ausstattung Martin Holzhauer, Martina Suchanek). Zeh hat den Fürsorgestaat ins Totalitäre geweitet: Gesundheit ist die neue Normalität, das Erheben von Gesundheitsdaten und Sport ist Bürgerpflicht, wer eine Zigarette raucht, begeht einen subversiven, wenn nicht gar terroristischen Akt. Da sind "1984" oder "Fahrenheit 451" nicht weit. Und doch glaubt Mia noch geraume Zeit daran, dass ihr und ihrem Bruder, der sich auf Grund falscher Anschuldigungen das Leben genommen hat, was das System als rebellischen Akt wertet, Gerechtigkeit widerfahren wird.

Als Zweipersonenstück mit eingespielter Stimme des Bruders hat Schwesinger, die in wenigen Wochen am Staatstheater Wiesbaden eine Bühnenfassung von Robert Seethalers "Das Feld" inszeniert, "Corpus Delicti" angelegt. Die an Details nicht gerade arme Vorlage ist auf 60 Minuten äußerst verdichtet, mit der nervösen Mia (Julia Pitsch) und ihrem glatten Gegenspieler Kramer (Simon Schwan) auch auf die Hauptfiguren. Es stehen sich das unerbittliche System mit seinen vermeintlich rationalen Argumenten und eine junge Frau gegenüber, die auf dem Selbstbestimmungsrecht des Individuums beharrt. Sie absolviert Liegestütze und raucht, er wäscht sich die Hände, eine Mischung aus Pilatus und Zwangsneurotiker. Solche Details, gestische und Wortwitze sorgen für kleine Atempausen in der Spannung, die durchaus handgreiflich wird."


Frankfurter Neue Presse

29.10.2019

Von Astrid Biesemeier

 

"So hat Regisseurin Marie Schwesinger für ihre Zwei-Personen-Inszenierung eine eigene Fassung erarbeitet, die das Geschehen mittels Mia Holl (Julia Pitsch), dem Autor Heinrich Kramer (Simon Schwan) und Mias Bruder Moritz widergibt. Von Letzterem wird "nur" die Stimme eingespielt (Samuel Simon). Das erleichtert die Orientierung zwischen den Zeitebenen, denn wie auch Zeh erzählt Schwesinger in ihrer knapp einstündigen Inszenierung nicht linear. Und wenn wir Pitschs Mia kennenlernen, ist ihr Bruder Moritz schon tot. 

Kühl ist die Atmosphäre im Foyer des Schauspiel Frankfurt. Alles in klinisch Weiß getunkt - sogar die Trinkflaschen (Ausstattung: Martin Holzhauer, Martina Suchanek). Bei den Kostümen sind Schuhe und Oberteile weiß, die Hosen der beiden in hautfarben gehalten. Hygienegebiet halt - im Gegensatz zur wenig keimfreien Natur. Julia Pitsch zeigt eine Mia, die zunächst wegen des Selbstmords ihres Bruders aus der Spur geraten ist und etwas fahrig wirkt. Auch wenn sie kurzzeitig an ihrer Sicht auf das Gesundheitssystem zweifelt, mausert sie sich doch zu einer mutigen und erhobenen Hauptes für ihre Werte eintretenden jungen Frau. Bei Verhörsituationen ist sie manches Mal selbst verstört, denn so hätte sie sich die umfassende Kontrolle über die Daten der Menschen wohl nicht vorgestellt. Ganz anders Simon Schwans Kramer, der aalglatt und smart scheint. Schon, wenn Kramer Mia munter mit einem Santé grüßt - so lautet der Gruß im Jahr 2057 - nimmt man ihm die Begeisterung für das System ab."